Frau Schlieker Internationaler Bunde e. V.: Seit zwei Jahren beschäftigt sich der Internationale Bund mit dem Thema, Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit psychischer Erkrankung. Der Internationale Bund betreibt selbst eine Anlaufstelle in Stendal für Menschen mit psychischer Erkrankung infolge Sucht.

Die Klienten und wir als Internationaler Bund stellen immer wieder fest, dass die bestehenden Angebote zu wenig vernetzt sind. Deshalb hat es sich der Internationale Bund zur Aufgabe gemacht, mit seinem Aktionsbündnis ein Vernetzungsforum zu starten. Es sollen die Bedarfe der Zielgruppen festgestellt werden. Daraus sind die einzelnen Handlungsfelder zu entwickeln. Der IB hat sich mit vielen Betroffenen innerhalb der Selbsthilfegruppen getroffen, um sich zunächst über die Praxis zu informieren. Geplant ist im Rahmen des Projektes Anfang 2013 eine Auftaktveranstaltung durchzuführen. In diese Veranstaltung sollen sich alle Bürger einbringen, die in diesem Rahmen etwas für diesen Personenkreis tun möchten. Der Internationale Bund ist ein freier Träger, der ansonsten keine eigenen Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen vorhält, so dass dieses Vernetzungsvorhaben nicht zwingend auf Grund eines bestehenden Eigeninteresses verfolgt. Es gibt ein Landesaktionsplan Inklusion. Dieser ist jedoch noch nicht vollständig untersetzt. Auf der Grundlage des Landesaktionsplanes möchte das Aktionsbündnis ein Katalog für den Landkreis Stendal entwickeln. Mit Hilfe der Bündnispartner soll ein Aktionsplan für den Landkreis Stendal erarbeitet werden. Die Aufgabe des Netzwerkes ist es Menschen mit psychischen Erkrankungen in Arbeit zu bringen. Für die Netzwerkarbeit wird der Internationale Bund eine Personalstelle zur Verfügung stellen, welche durch die Aktion Mensch gefördert wird. Die Netzwerkarbeit wirbt für die Mitarbeit der Mitglieder des Sozialausschusses und der Menschen mit Erfahrungen im Umgang mit diesem Personenkreis.

 

Weshalb hat sich der Internationale Bund für den Landkreis Stendal entschieden?

Auf Grund einer Sozialraumanalyse und insbesondere dem demografischen Wandel im Landkreis Stendal ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass der Landkreis Stendal zukünftig mit besonderen Herausforderungen zu rechnen hat. Bis zum Jahr 2020 wird sich der Personenkreis mit zunehmenden Alterseinschränkungen weiterhin erhöht haben. Außerdem ist damit zu rechnen, dass der Personenkreis der über 40-jährigen mit psychischen Erkrankungen im Jahr 2020 weiter zugenommen haben wird. 60 % der Menschen die in den Projekten des Internationalen Bundes z. Z. beschäftigt sind, haben eine psychische Erkrankung. Darunter sind auch viele Personen über 20 Jahre.

 

Aufgabe des Projektes ist es langfristig für die Zukunft Arbeitgeber zu sensibilisieren, um diesen Personenkreis wieder einzugliedern und ihm die Teilhabe zu ermöglichen.

Die Planung des Aktionsbündnisses ist in fünf Stufen vorgesehen:

 

Die 1. Stufe ist die Sensibilisierung und das Führen von Gesprächen.

 

Die 2. Stufe ist die Orientierung. Es ist geplant ein Orientierungsworkshop durchzuführen. Interessen und Kompetenzen zu erfassen und ein gemeinsames Ziel zu vereinbaren. Dazu sollen Arbeitsgruppen gebildet werden. Mit den Schwerpunkten Arbeit, Wohnen und Freizeit.

 

Die 3. Stufe ist die Planung. In den vorhandenen Arbeitsgruppen sind die Angebote zu erfassen. Die Bedarfe der Menschen mit Behinderung zu erfassen, fehlende Angebote zu identifizieren und Handlungsempfehlungen abzuleiten.

 

Die 4. Stufe ist die Strukturierung. Es ist ein Vernetzungsforum geplant. Arbeitsergebnisse werden präsentiert, Kooperationen werden vereinbart und Konzepte erstellt.

 

Die 5. Stufe ist die Öffentlichkeitsarbeit. Die Aktivitäten werden dokumentiert. Die Handlungs-empfehlungen werden regional veröffentlicht. Ein regionaler Aktionsplan für den Landkreis Stendal soll erarbeitet werden. Dafür benötigt der Internationale Bund Räumlichkeiten, finanzielle Mittel, die Befürwortung politischer Interessenvertretungen und einen Schirmherrn.

 

Herr Rettig: Im Landkreis Stendal wurde für dieses Klientel bisher viel gemacht. Den Unterlagen war bisher nicht zu entnehmen, dass sie finanzielle Unterstützung, Räumlichkeiten und einen Schirmherrn benötigen. Diese Dinge müssen wir dann im Auge behalten.

 

Herr Graubner: Wir fangen im Landkreis Stendal nicht bei Null an. Auch dank  Herrn Dr. Lischka arbeitet die PSAG im Landkreis Stendal sehr gut, so dass Inklusion nicht nur ein Wort ist. Menschen mit psychischen Erkrankungen finden oft keinen Zugang zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Deshalb unterstütze ich dieses Aktionsbündnis ausdrücklich. Wir benötigen ein Netzwerk zur Koordinierung der Angebote. Im Landesaktionsplan steht bisher nichts drin. Das große Problem ist, dass die Inklusion budgetneutral verwirklicht werden soll. Es gibt genügend Ideen. Jedoch müssen die Kosten geklärt werden. Das Netzwerk soll entsprechende Anstöße geben. Menschen mit Behinderungen muss Begegnung ermöglicht werden.

Der Ausschuss sollte dieses Projekt befürwortet.

 

Herr Dr. Lischka: Ich möchte einmal nachfragen, ob ich sie richtig verstanden habe. Sie haben vor, mit diesem Projekt Menschen mit psychischen Erkrankungen in Arbeit zu bringen.

 

Frau Schlieker: Es ist nicht nur Arbeit, sondern auch Teilhabemöglichkeit gemeint.

 

Herr Dr. Lischka: Das Wort Inklusion ist allumfassend und berücksichtigt damit auch die Arbeitsmöglichkeiten. Auf dem Papier sind diese Dinge durch die UN Behindertenkonvention und Aktionspläne geregelt, jedoch nicht in der Gesellschaft. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich habe nichts gegen Inklusion, aber viele Dinge lassen sich nur sehr schwer umsetzen, weil sie doch mit Kosten verbunden sind. Im Übrigen gibt es hinsichtlich der Arbeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen gesetzliche Regelungen. Kann jemand auf Grund seiner Erkrankung keiner Arbeit mehr nachgehen, so wird er durch den Rententräger dauerhaft erwerbsgemindert eingestuft. Kann jemand noch nicht einer Arbeit auf Grund seiner Erkrankung nachgehen, so gibt es gesellschaftliche Strukturen, im Rahmen der Rehabilitation psychisch Kranker, welche durch den Rententräger finanziert wird. Der Rententräger nimmt hier jedoch eine sehr restriktive Haltung ein. Für das Land Sachsen-Anhalt gibt es derzeit 6 Plätze. Die Salus gGmbH Uchtspringe plant weitere Plätze, deren Genehmigung aber noch nicht in Aussicht steht. Inklusion ist ein moralischer Anspruch, wenn das notwendige Budget für die Finanzierung nicht bereitgestellt wird. Genauso verhält es sich mit dem Anspruch auf eine eigene Wohnung. Das ist in der Regel in Ordnung, aber wir müssen davon ausgehen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen auch häufig einen hohen Hilfebedarf haben. Unter dem Gesichtspunkt der Betriebswirtschaftlichkeit kann man sich einen derart hohen Betreuungsaufwand nicht leisten. Selbst Einrichtungen können dieses personell nur bedingt leisten. Deshalb muss darauf geachtet werden, dass bei allen Ansprüchen auf Inklusion solche Einrichtungen nicht zerstört werden, wenn niemand weiß, wie das zu bezahlen ist. Im Bereich des Arbeitens gibt es die Werkstätten für behinderte Menschen. Einträgliche Arbeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist auf Grund der wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit bedenklich.

 

Herr Graubner: Wir konnten in der Werkstatt Tangerhütte sehen, wie wichtig die Arbeit ist die dort geleistet wird. Doch möchten Menschen mit Behinderung ihre Chancen zukünftig besser nutzen. Inklusion ist ein langer Prozess, wir müssen damit anfangen. Wir reden oft mit den Trägern der Werkstätten für behinderte Menschen, dem Landesbildungszentrum und anderen. In Tangerhütte haben wir jetzt das Projekt Grundschule auch für Menschen mit Behinderung.

Als Behinderter möchte ich die Möglichkeit haben zu wählen, welchen Weg ich gehen will. Vom Landesaktionsplan bin ich enttäuscht. Als Behindertenverband erwarten wir neue Wege zu gehen und Türen zu öffnen.

 

Herr Dr. Lischka: Die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Ich bin nicht gegen Inklusion, aber mehr Geld wird nicht zur Verfügung gestellt. Lediglich die Gesetze z. B. das Schulgesetz werden geändert oder Einrichtungen geschlossen.

 

Frau Schlieker: Was vorhanden ist möchte ich nicht schlecht reden. Es soll nichts mehr übergestülpt werden. Wir müssen vom Fürsorge- zum Teilhabeparadigma kommen. Der kranke Mensch soll selbst entscheiden und es soll nicht nur die Perspektive Werkstatt für behinderte Menschen geben.   

 

Herr Dr. Lischka: Die wirtschaftliche Lage im Landkreis Stendal ist nicht gut. Deshalb sind die Möglichkeiten Arbeit zu bekommen gering. Auch von gesunden Menschen wird verlangt, dass sie durch ganz Deutschland fahren um Arbeit zu bekommen. Diese Möglichkeit ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen schwierig.

 

Frau Schmidt: Ich möchte der Vollständigkeit halber anmerken, dass beim DPWV ein inklusives Projekt Freizeit und Kultur geplant ist.

 

Herr Rettig: Mit der Vernetzung gibt es positive Erfahrungen. Nicht nur im Bereich der Arbeit auch im Bereich der Teilhabe. Entscheidend ist nicht, dass hohe Ziel, entscheidend ist vielmehr das gesellschaftliche Verständnis. Dieses können wir nur durch bessere Öffentlichkeitsarbeit erreichen.

 

Frau Hartmann: Es gibt die UN Behindertenkonvention jedoch ist der Landesaktionsplan noch nicht fertig. Als Behindertenbeauftragte habe ich mir vorgenommen, auch ein Aktionsplan für den Landkreis Stendal zu erarbeiten. Meine Prämisse ist jedoch, dass alles bezahlbar bleiben muss.

 

Herr Rettig: Der Landkreis Stendal könnte sie als Träger z. B. mit Räumlichkeiten unterstützen. Meine Frage ist, ob sie eine Empfehlung des Kreistages oder des Sozialausschusses benötigen.

 

Frau Schlieker: Eine Empfehlung des Sozialausschusses wäre sehr gut.

 

Herr Rettig: Ich frage die Mitglieder des Sozialausschusses, wer dieses Projekt im Grunde unterstützen möchte?

 

Die Sozialausschussmitglieder unterstützen einstimmig das Projekt des Internationalen Bundes.